Roundtable Osteuropa

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00:00:07: Roundtable Osteuropa, ein Podcast des Zentrums für Osteuropa- und internationale

00:00:13: Studien.

00:00:22: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Roundtable Osteuropa!

00:00:26: Ich bin Johanna Mogwitz und ich koordiniere hier am ZOiS das Forschungsprojekt MoveMeRU.

00:00:33: neben mir sitzt Felix Krawatzek.

00:00:35: er ist der Principal Investigator von diesem Forschungs-Projekt und leitet gleichzeitig den Forschungsschwerpunkt Jugend- und generationeller Wandel.

00:00:43: Und interessiert sich in seiner Forschung auch sehr für die Weitergabe von Erinnerungen, Erinnerungskultur und solchen Themen.

00:00:52: Felix!

00:00:53: Wir sitzen hier heute vor einem kleinen Bücherstapel – und der soll uns heute beschäftigen.

00:00:57: Kannst du den Hörern, die diesen Bücherstapel jetzt nicht sehen vielleicht mal kurz erklären was hier für Bücher liegen?

00:01:04: Ja, sehr gerne.

00:01:05: Mache ich das?

00:01:06: Vor mir liegt zum einen Viktor Remizovs Permafrost ein Buch mit einem blau-weißen Cover die Töne des Permaforstbodens und wir reisen mit dem Buch in den hohen Norden der Sowjetunion.

00:01:20: direkt daneben liegt von Petra Rautiainen Das Land aus Schnee und Asche.

00:01:27: Wir bleiben im hohen Norden.

00:01:28: Das Cover ist allerdings orange mit so nem Grauenschnee darunter und dann bleiben wir in den Grautönen.

00:01:35: Es geht mit Oleg Serebrian und dem Tango in Czernowitz auf die Reise in den Südosten Europas, und auf den ersten Blick meint man allerdings, man sei in Paris wenn man sich dieses Cover anschaut mit einer Straßenfront, die so ein bisschen an das Stadtzentrum der französischen Hauptstadt erinnert.

00:01:53: Okay, danke.

00:01:54: Ich hoffe ihr habt jetzt alle die Cover ein bisschen besser vor Augen.

00:01:58: Wenn man jetzt sein Bücherregal zu Hause nach Farben sortieren würde wie das ja manche Leute so machen dann würden diese Bücher wahrscheinlich also nicht nebeneinander stehen.

00:02:06: Wie haben sie heute nun doch alle mitgebracht?

00:02:08: Denn wir sortieren unsere Bücheregale nicht nach Farbe sondern thematisch und genau haben aus diesen drei Büchern eine Reihe gemacht und zwar eine Veranstaltungsreihe die dieses Jahr im Frühjahr bei uns hier stattfand.

00:02:19: Felix erzähl doch mal kurz was wir da so gemacht haben.

00:02:22: Also alle drei Bücher könnte man aus gutem Grund nebeneinander stellen, denn es sind alles Bücher die sich mit dem zweiten Weltkrieg auseinandersetzen.

00:02:30: Somit aktualisieren sie alle was für über den Zweiten Weltkrieg wissen beziehungsweise wie wir uns an dieses geschichtliche Großereignis erinnern.

00:02:39: Es sind auch alles drei Büchern die ins Deutsche übersetzt wurden aber ursprünglich nicht auf Deutsch geschrieben worden sind und in der Reihe, die wir nun dieses Jahr gemeinsam mit dem Museum Karlshorst haben stattfinden lassen.

00:02:52: Ging es genau darum wie Literatur unser geschichtliches Wissen voran bringt und genau dieses Jahr standen diese drei Bücher im Zentrum Der Zusammenarbeit mit Karlshorst eine Fortsetzung nachdem wir im letzten Jahr uns mit drei anderen Büchern- und thematischen Schwerpunkten auseinandergesetzt haben.

00:03:11: Okay du hast schon ein bisschen ankligen lassen war's egal?

00:03:15: oder was wir hier gemacht haben.

00:03:16: Aber so ein bisschen ist die Frage, warum machst du das?

00:03:19: Du bist ja eigentlich Forscher und liest vielleicht auch gerne.

00:03:22: Ich weiß nicht, warum kam es zu dieser Idee und warum ausgerechnet Karlshorst?

00:03:28: Das ist doch am Stadtrand von Berlin.

00:03:30: Wir sind eher im Zentrum...

00:03:32: Genau, hier kommen also Peripherie und Zentrum zusammen.

00:03:35: Und ganz federführend oder auch ausschlaggebend einfach für diese Reihe war der Direktor des Museum Karlshorst.

00:03:42: Jörg Moré, der ebenfalls wie ich sehr gerne liest und er eines Tages in einem Gespräch erwähnt hat mit mir Mensch ihn... beeindruckt immer, wie wichtig doch die Literatur ist um die Geschichte zu verstehen.

00:03:54: Dass man weniger in die Geschichtsbücher schauen sollte als vielmehr in die historischen Romane denn da versteht man, wie Geschichte-Geschichten formen.

00:04:04: Wie Literaturgeschichten verändert.

00:04:07: Jörg Morehm?

00:04:07: unser so selber mit großer Begeisterung das Projekt unterstützt und dann ebenso noch ein Mitarbeiter Christoph Meisner, der dieses Jahr auch sehr aktiv mit involviert war.

00:04:16: Und in der Reihe wollen wir nun auf den Grund gehen wie der historische Roman geschichtliche Vorstellungswelten eröffnet da ja etwas anders funktionieren kann als das wissenschaftliche Buch nämlich mehr Freiheiten und dadurch vielleicht leichter das große und das kleine verbinden kann in den kleinen Schicksalen, die großen geschichtlichen Entwicklungen nachzeichnen können.

00:04:38: Gleichzeitig spiegelt Literatur-Geschichtsdiskurse wieder – genau diese Zusammenschau weit, was uns interessiert hat!

00:04:45: Es ist eigentlich ein relativ natürlicher Ort hier in Berlin, um sich dem Thema zu wickmen gerade mit dem Fokus auf den Zweiten Weltkrieg.

00:04:52: Denn das Museum Karlshorst ist der Ort an dem die bedingungslose Kapitulationen der Wehrmacht am achten Mai das zweite Mal unterzeichnet wurde nachdem sie am sitten Mai zum ersten mal in Rans unterzeichnete wurde.

00:05:07: Das Museum Karlshorst ist vielleicht dem ein oder anderen bekannt als das deutsche russische Museum.

00:05:10: So hieß das Haus von nineteenhundneinzig bis zweitausendzweiundzwanzig und es war auch bereits zu DDR-Zeiten einen Geschichtsmuseum zumindest seit den achtziger Jahren und hat sich dort mit dem Thema der bedingungslosen Kapitulation auseinandergesetzt, also ein passender Ort und wir freuen uns sehr als Zeus mit Karls Horst zusammen zu dieser Themenreihe kooperieren zu können.

00:05:31: Okay dann lass uns doch jetzt mal direkt einsteigen.

00:05:33: ich nehme mal dieses erste Buch hier Ganz schön schwer in der Hand, tausend zweihundert Seiten wenn mich nicht alles täuscht.

00:05:40: Viktor Remizov Permafrost.

00:05:42: dieses Buch ist zwanzig bzw.

00:05:45: einundzwanzig in Russland erschienen wurde dann auf Deutsch von Franziska Zwerg übersetzt und die Übersetzerin war an dem Abend im Februar auch dann zu Gast bei uns.

00:05:57: und lass uns doch da jetzt einfach mal rein hören.

00:06:01: Der Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Allonionspartei der Bolschewiki und Vorsitzende des Ministerrats der UDSSR war zufrieden.

00:06:10: Das Land wurde stärker, die Menschen lebten besser.

00:06:14: Diese Eisenbahn durch die Tiger – seine Idee – wurde in Rekordtempo gebaut unter aller schwierigsten Bedingungen, die sich niemand auf der Welt hatte vorstellen können.

00:06:25: Er machte eine kaum wahrnehmbare Geste in Richtung Bankettsaal.

00:06:30: Alle erhoben sich und folgten dem Führer durch die geöffneten Türen des herrlichen Saals.

00:06:37: Das Bankett war für fünfzig Personen ausgelegt, den ersten Toast brachte der Marschall der Sowjetunion Lavrenti Beria aus Auf Stalin.

00:06:48: alle schien einmütig und lehrten ihre Gläser freudig in einem Zug.

00:06:52: Dann tranken sie noch eins und noch eins was ihnen Erleichterung verschaffte.

00:06:56: Die Vorträge waren gut gelaufen, die Laune des Meisters war gut.

00:07:00: Er hatte nichts gefragt.

00:07:02: Niemand hatte die unangenehmen Zahlen nennen müssen.

00:07:06: Diese Zahlen fürchteten sie am meisten.

00:07:10: Sie ließen sich nicht leugnen – alle Anwesenden kannten sie!

00:07:14: Der im Winter verlegte Abschnitt des Eisenbahndams hatte sich im Sommer als größtenteils unbrauchbar erwiesen.

00:07:22: Ja Felix, du hast das Buch an dem Abend ja wissenschaftlich historisch eingeordnet.

00:07:28: Was würdest Du denn sagen ist aus wissenschaftlicher Sicht so spannend an diesem Buch?

00:07:34: Die Infrastrukturprojekte waren immer ein immens wichtiger Teil der Geschichte der UDSSR.

00:07:39: Die Sowjetunion war ein Modernisierungs-Projekt.

00:07:41: es ging darum Gesellschaft in die Zukunft zu katapultieren und die Versprechungen des Kommunismus sollten für den Segen der Menschen dann auch eine moderne schaffen, die der kapitalistischen Moderne überlegen war.

00:07:55: Sofern ist?

00:07:55: der Roman von Remizov bietet einen interessanten Einblick in diese Zukunftsvision und wie diese Zukunftsmissionen von den Menschen, die diese Zeit erlebt haben aufgenommen wurde.

00:08:06: Gleichzeitig gibt der Roman Zugang zu den harten historischen Fakten, nämlich dass dieser Drang in die Moderne die Infrastrukturprojekte ohne das Gulagsystem überhaupt nicht möglich gewesen wäre.

00:08:19: Diese Zwangsarbeiter waren Teil eines Systems der Ausbeutung, der Ernietrigung und der Unterdrückung und ziemlich menschenverachtenden Umständen unter denen man gearbeitet hat.

00:08:31: Und der Roman bringt da das große und das kleine zusammen die großen geschichtlichen Linien.

00:08:35: Und gleichzeitig durch den Fokus auf Einzelschicksale, was es eigentlich bedeutet für einzelne Menschen an diesem System teilgehabt zu haben.

00:08:44: Durch den Roman entdecken wir einen Aspekt dieser Infrastrukturprojekte, die in der Forschung ein bisschen weniger auch bisher betrachtet worden sind.

00:08:52: Denn es geht um eine tausend zweihundert Kilometer lange Eisenbahnstrecke.

00:08:57: In der Forschung hat man sich bisher eigentlich meistens mit diesen großen Kanälen und den Wasserstraßen auseinandergesetzt.

00:09:04: Und diese Eisenbahnstrecke im hohen Norden nördlich des Polarkreises der Sowjetunion, es war geplant dass diese im vierten Quartal, neunzehnundfünfzig dann den regulären Arbeitsverkehr aufnimmt und ab neunzentvünfundvierzig Teil der regulären Betriebsstreckel wird.

00:09:20: an dieser Sogenannten Polarkreiseisenbahnen haben ungefähr hunderttausend Gefangene mitgearbeitet.

00:09:26: Dazu kommen dann noch die sogenannten freien Arbeiter, sodass man davon ausgeht dass knapp dreihundertausend Personen an dem Projekt beteiligt waren.

00:09:33: also es ist ein massives Projekt was eine große Anzahl an Menschen beschäftigt hat.

00:09:38: Schätzungsweise nach sind ungefähr zehn tausend Personen dabei umgekommen.

00:09:44: Und was so interessant ist an den Infrastrukturprojekten, dass sie zum einen wie in dem Roman beschrieben eine ganz konkrete praktische Funktion hatten.

00:09:52: Es ging darum Güter von A nach B zu transportieren häufig Rohstoffe oder militärisches Material und gleichzeitig haben diese Infrastruktur Projekte so unglaublichen symbolischen Nutzen und das wird in dem Buch auch schön deutlich.

00:10:07: Man sieht es wenn man sich in der Geschichtsforschung ein bisschen weiter rein liest wie bestrebt bereits die Geschichtswissenschaft und die Politik auch in der Sowjetun war, diese Modernisierungsprojekte als Erinnerungsprojekten festzuhalten.

00:10:21: Also man findet Fotokalender, Poster, Festschriften über die geplanten Bauten ... Und da ist recht auffällig dass die gewünschte Wirkung des Projektes häufig einen größeren Effekt hat als der tatsächliche Nutzen der dann abgeschlossenen Projekte.

00:10:37: So was ganz sicher mit der Polarkreiseisenbahn Und die Möglichkeit, die dann so ein Projekt wie die Polarkreiseisenbahn hatte ist dass sie die Tatsache gut überdecken konnte.

00:10:47: Dass die stalinistische Moderne eigentlich eine ziemlich unfertige war und man immer so ne Projektionsfläche einer radikal umgestalteten Zukunft braucht, die die Verbindung schafft zwischen dem Elend oder den Mangel des hier und jetzt und der erwarteten Zukunft auf die man hinarbeitete und für diese sich die Opfer in der Gegenwart lohnten.

00:11:10: Jetzt glaube ich die Möglichkeit auch einfach nochmal Franziska Zwerg zu hören, um das was ich gerade gesagt habe zusammenzubringen mit dem was in den Roman passiert.

00:11:19: Ich möchte nur ganz kurz ein bisschen über die Struktur des Romanes erzählen und zwar gibt es nämlich drei Familien die sozusagen die zentralen Protagonisten dieses Buch sind.

00:11:32: ihre Lebensgeschichte spielt sich ab vor dem Hintergrund des Baus der sogenannten Starlin-Bahn Wie schon erwähnt.

00:11:40: Und diese drei Familien haben jeweils einen unterschiedlichen Bezug dazu und ihre Schicksale verflächten sich im Laufe der Romanhandlung?

00:11:49: Ja, genau viel tiefer in die Geschichte können wir jetzt eigentlich dann auch gar nicht einsteigen was eben spannend ist das dieses Buch den Lesenden die Möglichkeit gibt ein Teil der Sowjetgeschichte eben zu nähern auf so einem terroristischen Weg und dass es ganz unterschiedliche Perspektiven dadurch dann eben aufzeigen kann.

00:12:08: Wir haben jetzt gerade in der Einleitung, die wir vorhin vorgelesen bekommen haben quasi gehört, das auf gewisse historische Persönlichkeiten, die auch im Buch auftauchen wie etwas Stalin, dass sie nicht ganz kritiklos eigentlich davon kommen.

00:12:21: Felix, das Buch wurde ja vor ein paar Jahren erst veröffentlicht ist also relativ neu noch.

00:12:26: Kannst du was sagen?

00:12:27: Wieso ein Buch, das also auch nicht unkritisch mit einer Person wie Stalin umgeht, in Russland aufgenommen wird?

00:12:33: Dieses Buch wurde grundsätzlich wahnsinnig positiv aufgenommen.

00:12:36: Die Besprechungen, die es gibt in Medien auch in staatlich geförderten Medien sind alle sehr positiv.

00:12:44: In den großen Staatsmedien gibt's jetzt keine Unmenge an Besprechung aber wie gesagt das was man findet ist positiv.

00:12:49: Das Buch hat auch zwei bedeutende Literaturpreise erhalten nämlich zum einen den dritten Preis bei Balchaya Kniga und es ist das Buch des Jahres geworden.

00:13:00: Also, er wird gefeiert, es wird offiziell ausgezeichnet und es wird dafür gelobt eben kein anti-stalinistischer Roman zu sein.

00:13:08: Wenn man sich dann diese Kritiken des Buches durchliest, dann sieht man dass dort der Schwerpunkt gelegt wird auf die Einzelschicksale, die Remizov ins Zentrum des Romans setzt.

00:13:19: Die Lesart in Russland ist also eine über die Person, ihre Schicksale wie man Entscheidungen trifft.

00:13:24: In schwierigen historischen Zeiten.

00:13:26: gleichzeitig blendet man aber in der russischen Rezeption diese größeren Einordnungen des Autors weitestgehend aus und dazu lohnt es sich auch meine Kollegin Nina Fries kurz zu hören.

00:13:39: Es verkauft sich ja einfach unglaublich

00:13:41: gut

00:13:41: in Rostland.

00:13:42: Also auf welcher Plattform man auch schaut, man findet es eigentlich immer als Bestseller angegeben und man findet tatsächlich sehr viele positive Leserkommentare.

00:13:54: Das ist jetzt diese Rezeptionsebene.

00:13:57: Ja das ist natürlich auch spannend zu sehen.

00:13:59: so auf der einen Seite haben wir diesen Man kann schon fast

00:14:02: wieder sagen, Stalin kult im Russland

00:14:05: der Gegenwart.

00:14:06: Auf der anderen Seite haben wir aber solche Bücher die eben zum Bestseller werden für die Menschen dann

00:14:12: eben zu Lesungen

00:14:13: gehen das Onkelchen

00:14:15: Niederzischen

00:14:16: und so weiter Und es gibt offensichtlich einen Bedarf an solchen Büchern.

00:14:22: Ja, wirklich spannend zu sehen wie erfolgreich dieses Buch heutzutage in Russland ist auch eben angesichts von einem Hempoutine der da ja auch sehr aggressiv Geschichtspolitik begreift und dass so ein Buch verkauft werden darf.

00:14:35: Verkauft wird und auch gekauft wird.

00:14:37: Ich finde es schon ein bisschen angedeutet vielleicht woran das liegen könnte.

00:14:40: Mich würde noch mal interessieren was ist deine persönliche Meinung?

00:14:43: Ist das einfach nur ein gut geschriebenes Buch was interessante Personen darstellt oder ein Buch über ein sowjetisches Großbauprojekt Auch mehr hineintesen.

00:14:53: Wie siehst du das?

00:14:55: Du hast Eingangs erwähnt, dass dieses Buch ganz schön schwer in der Hand liegt mit seinen tausend zweihundert Seiten.

00:14:59: also ich würde jetzt nicht wagen zu schätzen wie vieles wiegt aber es ist ein großes Unterfangen was hier in Wörter gepackt wurde und dementsprechend kann es ganz vielfältig gelesen werden.

00:15:10: die Kritik am System, also man kann dort durchaus auch Abschnitte entdecken wo das stalinistische System vielleicht sogar mit Bezug zur Gegenwart kritisch gesehen wird und gleichzeitig ist es aber ein Buch was man eben noch ganz anders lesen kann.

00:15:24: Und das ist wahrscheinlich geschichtspolitischen Rahmenbedingungen zu navigieren weiß, aber auch eine deutsche Öffentlichkeit überzeugen kann.

00:15:33: Denn auch die Rezeption in Deutschland ist sehr positiv und ein Beispiel was wir an dem Abend doch diskutiert haben –was ich sehr markant finde im Roman-, wo man auch diese Möglichkeit sieht, die geschichtlichen Bedingung in der Gegenwart vielleicht zu verorten.

00:15:48: hier wäre es auch etwas wo wir uns Franziska Zwerg und einen ganz kleinen Ausschnitt aus dem einen versisten Kapitel nochmal anhören sollten.

00:15:56: Er legte die Zeitung beiseite und nahm einen Schluck vom abgekühlten Tee.

00:16:00: Das alles interessierte ihn kaum noch, derweil entstanden auf dem Planeten ähnliche Regimes wie seines, die auf Lügen-und Propaganda beruhten mit unabsetzbaren Herrschern und getäuschten

00:16:13: Völkern.".

00:16:14: Ja, schon ziemlich beeindruckender Satz.

00:16:17: Der ist jetzt zwar in der Vergangenheitsform geschrieben aber lädt irgendwie auch dazu ein, ihn den die Gegenwart zu übersetzen oder auf die Begegenwärtsbeziehen.

00:16:25: Falls jemand von denen hier gerade zuhören das Buch gelesen hat oder lesen wird und ja wir fänden wie auch mal interessant zu wissen wie ihr wie sie da so zu denken wie man das Buch lesen kann sollte.

00:16:37: Ja, wir wollen heute aber auch nicht nur über Permafost reden.

00:16:40: Auch wenn dieses Buch wie schon mehrmals erwähnt mit seinen Tausend Zweihundertseiten eigentlich doppelt so groß ist wie die anderen beiden Büchern zusammen und deswegen wenden uns jetzt mal dem zweiten Buch zu.

00:16:49: was hier liegt das beschäftigt sich auch mit dem hohen Norden allerdings mit einer Andernteid Epoche und eine andere Region für dich.

00:16:58: kannst du uns vielleicht dazu einen kurzen Einstieg geben?

00:17:01: Genau, das nächste Buch ist Land aus Schnee und Asche von Petra Rautiainen.

00:17:06: Um zwanzigzwanzig auf finnisch erschienen, zwanzzigdreiundzwanzig dann auf deutsch.

00:17:10: zum Kontext sei so viel gesagt.

00:17:12: wir befinden uns im hohen Norden Finlands.

00:17:15: Details gibt es gleich dazu.

00:17:17: Und diese Geschichte dieser Roman spielt auf zweizeitlichen Ebenen Nämlich zum einen während des Zweiten Weltkriegs im Jahr.

00:17:25: Und dann noch mal im Jahr neunundvierzig, also kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

00:17:30: die beiden zeitlichen Ebenen verschränken sich dann miteinander im Laufe des Romans und werden zusammengeführt.

00:17:37: Diese Veranstaltung fand im März am ZOiS statt und wir hatten das Glück Petra selber, also die Schriftstellerin bei uns am Institut zu haben und gleichzeitig haben wir mit Michael Jonas ein Professor der Helmut Schmidt Universität der Bundeswehr in Hamburg gehabt.

00:17:55: Der einer der ausgewiesensten Experten für finnische Geschichte in Deutschland ist.

00:18:00: Die Veranstaltung fand auf Englisch statt.

00:18:02: deswegen werden wir jetzt auch keine Originalaufnahme der Lesung hören sondern freundlicherweise wird Johanna uns einen Abschnitt vorlesen.

00:18:12: Februar – vierzig Gestern hier in Inari angekommen.

00:18:17: Nach dem Straflager Hylien lacht die wieder eingefangenen Lager, aber dieses hier ist in den finnischen Karten nicht vermerkt.

00:18:24: Von der Kirche in Inori geht es rund zwanzig Kilometer Richtung Ost-Nordost.

00:18:29: Der See ist nicht weit weg Es gibt keine richtige Straße und an der Abzweigung versperren zwei große Bäume die Sicht.

00:18:36: Da stehen Schilder, die unter Androhung der Todesstrafe die Durchfahrt untersagen Die Aufschrift Deutsch und Inari Samisch.

00:18:45: Falls doch mal jemand vorbeikommt, sind es wohl höchstens Sami die ihre Rentiere über die Fels treiben – weil wer weiß schon ob die überhaupt lesen können?

00:18:54: Herr Ninen nahm mich in Empfang!

00:18:56: Ich stellte mich vor.

00:18:58: Vayne Rames, Militärbeamter Dolmetscher.

00:19:02: Er sagte nichts, musste dem ich bloß von Kopf bis Fuß.

00:19:06: Wahrscheinlich fand er das sich jung aussah.

00:19:09: In einem deutschen Auto fuhren wir auf einem Trampipfad zum Tor des Lagers, wo wir ausstiegen.

00:19:14: Der Wachhabende rührte sich nicht – aber als er den Offizier sah bekam er auf einmal einen ganz anderen Gesichtsausdruck.

00:19:21: An seinen Augen konnte man sehen, dass der Deutsche Angst hatte.

00:19:25: Er hatte ein Totenkopf am Kragen!

00:19:27: Herr Nienen sprach mit ihm und bot ihm Zigaretten an, denn man wollte keine.

00:19:32: Ich bin mir nicht so sicher ob er Finnisch konnte.

00:19:35: Herr Nienen erklärte mir noch einmal was ich schon wusste….

00:19:39: Auch hier waren die Gefangene auf verschiedene Zelte aufgeteilt.

00:19:42: Im Linken die Ukrainer, im Nächsten die Sowjets in dem dahinter die Serben.

00:19:47: Es gibt auch noch ein viertes Zelt Aber dazu hat er nichts gesagt.

00:19:51: Ich weiß nicht was da ist.

00:19:53: Juden gibt es keine.

00:19:55: Wer Jude ist oder vielleicht sein könnte kommt ins Straflager Hylien Lachdi.

00:20:00: Hier bei uns sind nicht so viele gefangene wie in den anderen Dagern aber es kommen ständig neue dazu.

00:20:06: Herr Ninen sagt Vorletzte Nacht ist eine ganze Schiffsladung mit Gefangenen aus Danzig angekommen, unter anderem Polen und Rumän.

00:20:15: Sie sollen gleich morgen beim Bau der Straße Richtung Norden eingesetzt werden.

00:20:19: Außerdem gibt es in der Nähe noch ein paar andere Lager – in einem davon nur Deutsche, Landesverräter und Rassenschänder.

00:20:27: Die Rassenschänder sind die Stimmsten!

00:20:29: Jeden Sonntag werden neue zur Hinrichtungen ins Stadtgefängnis von Innerie

00:20:33: gebracht.".

00:20:34: Ja, das war also jetzt ein kurzer Abschnitt aus dem Buch.

00:20:37: Also eigentlich sogar genau der Anfang des Buches.

00:20:41: und um dieses Buch ging es am zweiten Abend unserer Reihe Felix an dem Abendsasto auch wieder auf der Bühne und test aber diesmal moderiert Kurz was zu dem geschichtlichen Kontext sagen in diesem, dem diese Szene hier spielt und auch vielleicht kurz unseren Hörern erklären wo Inari liegt.

00:20:59: Sehr gerne!

00:20:59: Also Inari ist ein ganz kleiner Ort ich glaube knapp unter fünfhundert Einwohnern heutzutage im finnischen Teil Laplands im hohen Norden.

00:21:08: Wichtig es aber dass in der Region um Inari das nationalsozialistische Deutschland mindestens zwei Straf- und Kriegsgefangenenlager unterhielt und das ist auch genau der Ort in dem dieser Roman spielt.

00:21:21: Was dann auch noch wichtig ist, dass knapp dreißig Prozent der Bevölkerung in diesem Teil Finanz sammeln sind und somit die Samische Kultur ihr Umgang mit der Natur besonders wichtig sind.

00:21:33: Das ist so der Ort, in dem der Roman handelt.

00:21:37: und was dann Wichtiges um zu verstehen worüber es in diesem Buch geht ist ein bisschen die geschichtliche Kontexten.

00:21:44: das ist etwas wie in Deutschland in der Schule nun wirklich selten lernen.

00:21:49: Zum einen, dass für Finnland der Zweite Weltkrieg am threißigsten November nineteenhundertneununddreißig begann.

00:21:54: das ist der Tag an dem die Sowjetunion nach einem vorgetäuschten Grenzvorfall in Finnland einmarschierte.

00:22:00: Die rote Armee war aber relativ schlecht ausgerüstet und zu reichen geführt und nicht in der Lage mit den finnischen Gelände oder dem finnischem Winter fertigzuwerden.

00:22:10: Und zur allgemeinen Überraschung konnte sich die finnische Armee dann einige Zeit widersetzen und ihre guten Ortskenntnisse nutzen.

00:22:18: Und drei Monate leistete man ungefähr Widerstand, war dann aber im Februar neunzehntvierzig weitestgehend erschöpft.

00:22:25: Im März neunzent vierzig wurde Finder gezwungen den Moskauer Vertrag zu unterzeichnen und gab im Rahmen dieses oder als Resultat dieses Vertrags elf Prozent seines Territoriums an die Sowjetunion ab.

00:22:36: Nach dem Winterkrieg vom November neununddreißig bis März vierzig folgte dann der sogenannte Zwischenfrieden und der ging dann in den Fortsetzungskrieg über.

00:22:45: Vom Juni onehundvierzig bis neunzentviertvierzig kämpfte Finnland nämlich gemeinsam mit Nazi-Deutschland gegen die Sowjetunion, die finnische Armee eroberte Gebiete zurück, die man zuvor an die Sowjette Union abgetreten hat – insbesondere Ostkarelien.

00:23:01: Und die finnische Front blieb dann bis neunzehnvierundvierzig nach raschen Geländegewinnen relativ ruhig.

00:23:06: Gleichzeitig sind dann natürlich im Verlauf des Krieges die Verluste auf der deutschen Seite wachsen und gehen einher mit Forderungen in Finnland jetzt doch zu einem Frieden zu kommen.

00:23:17: Im Juni-IV startet Hirote Armee dann ihren Gegenangriff, dieser Vortsetzungskrieg endet dann im September-IV-IV mit der Unterzeichnung des Moskauwaffenstillstands.

00:23:30: Dieses Waffenstillstanz wird vereinbart dass alle ausländischen sprich deutschen Truppen abzuziehen sind.

00:23:36: Und dieser Rückzug der deutschen Truppen geht dann einher mit der Politik, der verbrannten Erde.

00:23:41: Mit Landmienen, Strategien und die verwüsten Finnland auch den hohen Norden Norwegens und insgesamt diese lapländische Region sehr schwer.

00:23:51: Das ist die Episode in der wir uns befinden und in die uns Petra Rautiainen historisch einführt.

00:23:58: Ja, danke für die Einordnung.

00:23:59: Wie du schon gesagt hast ist es eigentlich ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs oder einen Schauplatz des Zweite Weltkrieges von dem man hier zumindest in Deutschland im Schulunterricht glaube ich eher wenig hört.

00:24:09: Es auch spannend wie diese verschiedenen Phasen oder diese verschiedenen Aktivitäten erfinden während des zweiten Weltkrigs in Finnland häufig wirklich als Phasenein und desselben Kriegsverstanden werden.

00:24:20: das wird dann auch so bezeichnet.

00:24:22: dazu wollte ich jetzt mal kurz Michael Jonas einblenden

00:24:26: Kontinuation war in finnisch-jagd-gossotta, fourchatningskriege den swedish basically indicates already that this is history politics at work.

00:24:35: It suggests and it's being internalized and viewed in Finland mostly.

00:24:40: there´s a continuity between the war for Gression of late June on the one hand and winter war.

00:25:02: Ja also wie... Michael Jonas jetzt hier auch gerade schon gesagt hat, es ist wirklich sehr interessant wie so eine Bezeichnung.

00:25:08: Also in dem Fall die Bezeichnungsfortsetzungskrieg schon irgendwie eine gewisse Sichtweise oder Wahrnehmung einer bestimmten geschichtlichen Episode zum Ausdruck bringt, indem man eben bewusst den Fokus jetzt in diesem Fall auf ja den ersten Teil des Krieges setzt und den zweiten Teil eher in den Hintergrund getränkt werden soll eigentlich.

00:25:28: Und dass das eben vielleicht auch nur bewusste Entscheidung ist dann ein geschichtliches Ereignis so zu benennen.

00:25:32: Gut, Johanna und du hast an dem Abend im Publikum gesessen.

00:25:36: Was für ein Thema hat dich denn besonders überrascht?

00:25:39: oder wo sagst du wow da habe ich wirklich was Neues gelernt?

00:25:42: Das Thema an sich sowieso, aber was ich dann glaube ich nochmal sehr bemerkenswert fand war das in dem Buch auch so ein bisschen das Thema Rassenideologie behandelt wird.

00:25:51: Es gibt ja eine Stelle die Petrae dann auch vorgelesen hat wo beschrieben wird wie verschiedene Untersuchungen durchgeführt wurden und das wusste ich tatsächlich überhaupt nicht dass das Das ist etwas, was wirklich passiert hat.

00:26:16: Zu viele Sami-Geräte.

00:26:19: Auch bis zum letzten Seventies gab es Recherche, wie man das sagen könnte, zu einer röselen Hüttchen-Paste.

00:26:29: In Finnland ... Letztes Jahr hatten wir die Wahrheit und die Rekognition.

00:26:35: Und der Punkt war, dass die Sami-Geräte den falschen Übungen zu einem höheren Level bringen.

00:26:46: Vielleicht hat es etwas.

00:26:47: Das ist ein hartes und langsamer Weg für die Sami.

00:26:53: Sie leben wieder mit diesen Erinnerungen.

00:26:57: Ja, also wirklich interessant für mich.

00:27:00: Ich habe mich im Nachgang dann zu dieser Thematik auch noch ein bisschen belesen weil ich es ja einfach spannend fand.

00:27:05: einige wissen vielleicht oder haben sie auch mitbekommen das Dänemark.

00:27:09: Ich glaube, im letzten Jahr war es in den Nachrichten aufgrund des Themas der Zwangssterilisation, die dort ja auch durchgeführt wurden.

00:27:17: Ähnlich war das tatsächlich auch empfindet – das wusste ich nicht – wo auch in dieser Zeit von thirty-fünf bis neunundsebzig rund elftausend Frauen und Mädchen auch einige Männer zwangsterilisiert wurden eben auch als Teil von diesen rassenideologischen Überlegungen oder Maßnahmen.

00:27:32: Und es ist irgendwie interessant zu sehen, wie solche Themen dann immer wieder aufploppen.

00:27:36: Wenn das vielleicht auch in einem anderen Land dann in Erscheinung tritt, dass dann auch geschaut wird, wie war das denn bei uns?

00:27:43: Wie war das ja in Finnland und die Öffentlichkeit dann dadurch informiert wird und das Interesse dann einfach dafür da ist.

00:27:50: Ich glaube ähnlich war's mit Petraes Buch.

00:27:53: war so mein Eindruck von dem Abend oder...

00:27:56: Das ist auf jeden Fall das, was sie uns mitgebracht hat.

00:28:00: Die Wahrnehmung in Finnland sehr positiver.

00:28:03: Dass Leute dankbar dafür waren, dass sich diesem Thema endlich jemand annimmt und es ist ja bemerkenswert, dass das Buch mittlerweile in neuen Sprachen übersetzt wurde bei den führenden Verlachshäusern erschienen ist.

00:28:17: In Deutschland ist es von so komp herausgegeben, in Frankreich ist es Søy und die Kritiken, die man in den verschiedenen Ländern zu diesem Buch liest sind alle durchweg positiv als eben eine sehr notwendige Erweiterung des Themenkreises zum zweiten

00:28:32: Weltkrieg.".

00:28:33: So wo wir bei dem Thema sind Erweitarung des Themenkreises?

00:28:37: Erweitern wir doch auch heute nochmal unseren Kreis der vorgestellten Bücher und kommt zum untersten Buch unseres Stapels.

00:28:43: Das ist das Buch, was wir am dritten und letzten Abend unserer Reihe betrachtet haben.

00:28:48: Und zwar geht es da um eine Region die sich Bukovina nennt.

00:28:53: Wenn Sie jetzt gar keine Ahnung haben, was das eigentlich für ne Region isst Dann spiele ich jetzt mal kurz noch ein Zitat von Christoph Meisner vom Museum Karlshorst ein Um in einem kleinen Eindruck von dieser Region zu vermitteln.

00:29:07: Heute von der Bukovina sprechen, dann sprechen wir nicht von einem klar umrissenen Ort auf der Landkarte.

00:29:13: Sondern vom Raum der Überlagerungen Sprachen Erinnerung und Zugehörigkeiten Ein Raum

00:29:21: in dem ein und dieselben Straße

00:29:23: mehrere Namen tragen konnte Und jede dieser Bezeichnungen eine andere Geschichte erzählte.

00:29:28: Genau, also ein kleiner Eintritt davon was die Bokovina ist.

00:29:32: Natürlich noch nicht sehr konkretes.

00:29:33: Kommt dann gleich noch!

00:29:35: Letzter Abend unserer Reihe haben wir uns mit der Bokuviner befasst.

00:29:38: Genauer gesagt mit dem Buch Tango in Czernowitz von Oleg Serebrian.

00:29:42: Dieses Buch erschien zwanzig-dreiundzwanzig auf Deutsch wurde übersetzt von Anke Pfeiffer, die an dem letzten Abend auch unser zweiter Gast war Mariana Hausleitner, eine Historikerin ausgewiesene Bukowina-Expertin.

00:29:57: Steigen wir jetzt mal kurz nochmal in das Buch ein bisschen konkreter ein und dazu spiele ich mal Anke Pfeifer ein, wie sie uns einen Abschnitt aus dem Buch vorliest.

00:30:22: Das erschien ihm ungerecht.

00:30:28: Als er klein war, glaubte Archieb alle Deutschen seinen Freiherrn Grafen oder Herzöge Oder wenigstens Schuldirektoren oder Offiziere.

00:30:38: Alle Juden hielt ihr für Krämer Schneider oder Fetscher Zigeuner Schmiede und Wahrsagerinnen.

00:30:46: Romänen und Ukrainer waren entweder Knechte Bauern oder Soldaten.

00:30:51: Wer großes Glück hatte konnte noch Förster, Lehrer oder Priester werden.

00:30:56: Er kannte auch andere Nationen wie Russentürken oder Franzosen, aber deren Zweck war ihm nicht so recht klar.

00:31:02: Höchstens, dass sie an Stelle der Deutschen stehen konnten – daher führten Sie die ganze Zeit Kriege!

00:31:09: Denn würden Sie etwa kämpfen um unseren Platz oder den der Rumänen in der Welt einzunehmen?

00:31:16: Als er älter wurde, verstand ja das die Dinge etwas komplizierter waren.

00:31:19: Obwohl er in großen Zügen etwa dieselbe Anschauung von der Welt behielt.

00:31:24: In der nämlich jedes Volk eine vorher bestimmte Rolle erfüllte.

00:31:28: Ja was man in diesem Textabschnitt schon ganz schön erkennen kann ist wie vielfältig diese Regionen Bukowina und ihre Bewohner wirklich sind.

00:31:37: Felix an diesem Abend saß du ausnahmsweise mal im Publikum.

00:31:41: Was hast du denn so als Publikumsmensch an diesem Abend Neues über die Region gelernt?

00:31:48: Die drei auf dem Podium haben es geschafft, diesen langen komplizierten Bogen des zwanzigsten Jahrhunderts zu schlagen und nicht nur... den Zeitpunkt des Romans selber einzugehen.

00:31:59: Und insofern hat man wirklich viel über die vielschichtige Geschichte dieser Region gelernt, die als Resultat des Ersten Weltkriegs dann eine rumänische Herrschaft übergegangen ist nachdem sie Vorherteil der Habsburger Monarchie war seit dem Ende des achzehnten Jahrhunderts.

00:32:17: Als das Habsburgereich diese Region vom Osmanischen Reich annektiert hatte.

00:32:21: also es gibt geschichtlich unglaublich viele Schichten abzutragen, die auch dieses Nebeneinander der vielen Gruppen, die dort vorhanden sind, erklären.

00:32:30: Und die Historikerin Mariana Hausleitner hat die geschichtlichen Etappen und dieses Nebeneinander von Rumänen und Ukrainern wirklich sehr sehr gekonnt eingeordnet sowie auch wenn wir dann uns der Zeit des Zweiten Weltkriegs widmen – der Präsens dieser kleineren Gruppen also der deutschsprachigen Bevölkerung oder der jüdischen Bevölkerung.

00:32:52: Und was ich interessant fand, das man dann in der Diskussion so schön auseinandergenommen hat auf dem Podium sind diese Grenzverschiebungen.

00:32:58: und inwiefern Grenz-

00:32:59: verschiebungen natürlich auf der einen Seite Gewinner und auf die anderen Seite Verlierer produzieren und diese Grenzverschiebungen selber auch ein Echo produzieren also diese großen geschichtlichen Verschiebungen auf die blicken Menschen in den Moment.

00:33:11: T anders aber eben auch t plus vier Und plus Vier ist das, worum es sich an dem Abend drehte.

00:33:18: Der Roman selber stellt das Jahr neunzehnvierzig ins Zentrum und dieses Jahr neunzehnvierzig ist eben zu lesen vor der Folie der ersten sowjetischen Besatzung der Region im Juni neunzehnhundertvierzig und diese Besatzungen im Juni neunzehnvierzich und die Zeit in einem Jahr neunzehneinundvierzig.

00:33:35: für einige Gruppen eine Befreiung für andere eine Eroberung.

00:33:39: und diese Komplexität wird durch den Roman ganz schön deutlich.

00:33:43: und wie einzelne ethnische Gruppen der Bukowina, dass eine eben die Hoffnung ist für andere die Enttäuschung oder auch die Sorge um die eigene Existenz.

00:33:52: Also das war was aus zu ihrer Perspektive erst mal sehr bereichernd war.

00:33:57: Okay, das interessant, dass du das mit der Geschichte dieser Region vorhanden bist.

00:34:04: aber es ist auch die Frage wie schafft man diese Vielstimmigkeit, diese Komplexität irgendwie in den Roman zu packen?

00:34:10: Welche Herausforderungen gibt's dabei?

00:34:14: Die Übersetzerin gemacht?

00:34:15: Ja, Frau Pfeifer hat da ein paar wirklich ganz schön greifbare Beispiele gegeben.

00:34:21: Also wie schwierig ist es einfach ist einen Roman zu übersetzen der im Prinzip ständig zwischen fünf Sprachzonen hin und her wandelt.

00:34:28: also sie hat das dann zum einen illustriert mit so ganz auf den ersten Blick banalen Fragen Wie benennt man denn jetzt eigentlich eine Stadt, ein Fluss, einen Berg, ein Dorf oder irgendeinen Hügel.

00:34:40: Und man sieht das schon ganz schön wenn man sich das Beispiel der Stadt Czernowitz anschaut und die selber in mehreren Sprachen geläufig ist.

00:34:49: also zum Einen hieß die Stadt Czernowitz als sie Teil eben der Habsburger Monarchie war.

00:34:55: unter rumänischer Herrschaft hieß Die Stadt dann Chernautsi.

00:34:59: Russisch heißt die Stadt  Chernovtsy und ukrainisch heißt sie Chernivtsy.

00:35:04: Es gibt auch noch eine türkische und eine jiddische Bezeichnung dieser Stadt, also die Komplexität, die sich in diese Vielschichtigkeit der Geschichte in den sprachlichen Markierungen ausdrückt muss man irgendwie in so einem Roman ja auch rüberbringen und Frau Pfeifer hat das dann so gemacht dass sie zum einen mit nem relativ ungewöhnlichen Fußnotenapparat hantiert also wo dann Erläuterung zu zu den Begriffsentscheidungen getroffen werden.

00:35:30: Und zum anderen wird die Mehrsprachigkeit der Handelnden auch im Roman ausgedrückt, also Figurenwechsel mitunter in einem Gespräch ihre Sprache und ich finde das gibt ein ganz gutes Gefühl dafür wie die Geschichten über Lagerungen dieser Region in einem gewissen Zeitpunkt immer noch ausgedruckt sind indem Leute eben hier nach Situation die Sprache Wechseln von Deutschen ins Rumänische, ins Ukraine und so weiter.

00:35:55: Und welche Sprache für welche Situation als angemessen gesehen wird?

00:35:59: Ja diese Herrschaftswechsel waren irgendwie also das prägende dieser Region vor allem im zwanzigsten Jahrhundert.

00:36:07: Ihr hattet ja jetzt an dem Abend auch noch die Historikerin Mariane Hausleitner zu Gast, die da noch ein bisschen wissenschaftliche Einordnung geliefert hat.

00:36:14: Von ihr habe ich mal einen Ausschnitt mitgebracht wie sie Ein bisschen beschreibt, zu welcher Situation diese ganzen Herrschaftswechsel geführt haben.

00:36:22: Da haben wir es mal kurz

00:36:23: rein.

00:36:24: Heute leben ja viele Nationalitäten dort nicht mehr.

00:36:27: Also daher ist die Situation eine ganz andere.

00:36:30: Die Deutschen wurden '40 umgesiedelt.

00:36:32: Es gibt so gut wie gar keine mehr.

00:36:35: Die Juden wurden fast alle... deportiert und sind zu zwei Drittel in Transnistrien.

00:36:41: Also nicht, das ist ein Gebiet in der Südukraine um Odessa herum also viel größer als das heutige Transnistrien.

00:36:47: die wurden dahingebracht mit der Begründung sie hätten ja sich auf die Seite der Roten Armee gestellt als die '40 einmarschiert ist.

00:36:55: Dass ist diese Geschichte mit dem Judeo-Kommunismus die also halt fabriziert wurde Das hat man den Leuten im Bucharest so erklärt dass die Armee fliehen musste weil die Juden sie angegriffen hätten.

00:37:07: Es war natürlich nicht der Fall, die Juden haben nicht Militär angegriffen, das war nicht ihre Art.

00:37:14: aber es gab Juden, die aus Rumänien in die neu sowjetisch gewordenen Gebiete gezogen sind weil sie in Rumänian schon das Rassengesetz hatten und dort gar keine Möglichkeiten mehr hatten sich zu entfalten.

00:37:26: also gerade Lehrer sind

00:37:27: sehr viele jüdische Lehrer sind dann in den Norden gezogen

00:37:33: und

00:37:34: das hat man natürlich in der Presse groß ausgeschlachtet, dass es Juden gab, die halt

00:37:39: in der Zeit wo Rumänen fliehen in den Süden, gehen Leute aus Altrumänien rauf, in die sowjetisch gewordenen Gebiete.

00:37:47: Und das ist natürlich eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung einer Katastrophe, die bis heute natürlich auch unterschiedliche Geschichtsbilder prägt.

00:37:56: Felix, vielleicht bleiben wir einfach mal direkt bei diesem Wort Geschichtsbilder.

00:38:01: Unsere Reihe heißt ja mit Absicht Geschichte schreiben, Geschichten schreiben, mit der wir jetzt unter anderem aufzeigen wollen dass es diese eine Geschichtsschreibung nicht gibt sondern das man Geschichte irgendwie immer so ein bisschen im Plural denken muss oder kann.

00:38:16: Inwieweit würdest du denn sagen, dass hier Literaturwissenschaften und Wissenschaft darin helfen können?

00:38:22: Historische Ereignisse einzuordern zu bewerten, Multiperspektivität aufzuzeigen.

00:38:28: Aber wo sind vielleicht auch Grenzen davon?

00:38:30: Was Literatur auf jeden Fall sehr gut kann ist genau diese gesellschaftlichen Zwischentöne herauszuarbeiten.

00:38:36: Man kommt eben durch die Perspektive der Individuen mit den alle drei Romane handieren und den verflochtenen Familiengeschichten und den Zeitsprüngen ganz gut.

00:38:47: dieser Multipperspektivitet auf die Spur etwas was uns in der Wissenschaft vielleicht teilweise sogar schwerer fällt, weil wir eben andere Regeln der Wissensproduktion haben.

00:38:56: Also da ist Literatur sehr hilfreich.

00:38:59: Gleichzeitig ist es natürlich Kunst und keine Wissenschaft.

00:39:02: das heißt wir haben mit historischen Figuren zu tun die natürlich keine kompletten künstlichen Geschöpfe sind aber deren Quellengrundlage eine andere ist als wenn wir ein wissenschaftliches oder ein historisches Sachbuch schreiben sofern Produktionsregeln sind ein bisschen andere.

00:39:19: Aber man betient den gleichen Diskurs, nämlich den öffentlichen Diskurs zur Darstellung von Geschichte.

00:39:25: Die beiden Diskursformen interagieren natürlich miteinander.

00:39:28: Literatur fungiert ja auch nicht im luftleeren Raum sondern greift Impulse auf die entweder durch die Öffentlichkeit oder vielleicht auch durch die Geschichts- oder Sozialwissenschaften kommen und leisten insofern einen Beitrag dazu wie wir über und in unserem Fall Aspekte des Zweiten Weltkriegs nachdenken.

00:39:44: Und welche Regionen als relevante Schauplätze des Zweite Weltkriegs wahrgenommen werden.

00:39:49: Es ist ja auch bezeichnend, zu welchem geschichtlichen Zeitpunkt in Europa nun Werke übersetzt werden ins Deutsche und somit Teil der deutschen geschichtlichen Debatte werden.

00:39:58: Das war doch eigentlich ein schönes Wort so ein schönes Abschlusswort für diesen Roman, der eigentlich die anderen beiden Romane so ein bisschen mit aufgreift.

00:40:07: Deswegen würde ich jetzt vielleicht gerne alle drei Bücher nochmal so nebeneinander legen, dass wir die alle noch mal vor Gesicht haben.

00:40:15: Ihr könnt es euch jetzt einmal vorstellen wie sie da so schön nebeneinander liegen von groß nach klein und blau nach rot nach braun.

00:40:21: Felix du hast alle drei Bücher gelesen.

00:40:24: Wem würdest Du denn vielleicht welches Buch empfehlen?

00:40:28: In welcher Situation?

00:40:29: Wenn ich jetzt mir aussuchen könnte eins dieser Bücher zu lesen in welcher Situation sollte ich welches Buch lesen?

00:40:35: Also Permafrost von Remizov würde ich sagen, eignet sich wirklich sehr gut für lange Berliner Winterabende.

00:40:43: Wenn die Sonne im Kampf gegen das Grau und die tiefen Wolken wirklich nicht mehr gewinnen kann dann ist das das richtige Buch.

00:40:51: man wird so richtig reingezogen in die Atmosphäre dieser etwas elendigen nassen Kälte, die wir hier auch teilweise in Deutschland haben natürlich in Permafost nochmal um einiges gesteigert und nicht mit den gleichen Rahmenbedingungen, aber das ist dafür ein ganz wunderbarer Roman um sich durch den Winter zu arbeiten.

00:41:09: Und ich glaube dann kann es auch wirklich auch eine physische Erfahrung sein dieses Buch durchzuarbeiten mit seinen tausendzweihundert Seiten.

00:41:18: Petra Rautiainens Buch Land aus Schnee und Asche eignet sich dann wiederum direkt im Anschluss eigentlich ganz gut

00:41:25: denn was so auch schriftstellerisch so gelungen ist in dem Werk, ist die Beschreibung von Natur.

00:41:32: Die Zerstörung von Natur durch den Krieg aber auch die Schönheit der Natur des hohen Nordens und wie Natur eine gewisse Widerstandsfähigkeit hat gegen die politischen Zerwerfungen und das verbinde ich zumindest immer mit dem Frühling wenn die Natur wieder auf dem Vormarsch ist.

00:41:49: also Petra Rautjainen würde ich sagen für die dann wieder länger werdenden Tage

00:41:54: Und im Sommer?

00:41:56: bietet sich es doch dann eigentlich an, wenn man vielleicht Ferien hat und durch Ost-Mitteleuropa reist, Serebrian mit ins Gepäck zu nehmen.

00:42:05: Man könnte sich dort zum Beispiel auf eine Reise durch die ehemalige Habsburger Monarchie begeben also sprich den ostmitteleuropäischen Teil unseres Kontinents erkunden und dieser vielschichtigen Geschichte der man mit dem Tango in Czernowitz auf die Spur kommen kann das auch einfach vor Ort zu erleben während so einer Reise, vielleicht im Zug, durch den Roman zu lesen?

00:42:31: Ja, herzlichen Dank für die Empfehlungen.

00:42:32: Also falls ihr noch nicht wisst was ihr in eurem Urlaub lesen wollt oder könnt, sucht euch eins der Bücher aus.

00:42:39: oder dann für den langen Winter.

00:42:40: Genau das war unsere Reihe in diesem Jahr.

00:42:42: dieses Jahr wie gesagt ist die Reihe abgeschlossen.

00:42:45: nächstes Jahr geht es bestimmt in irgendeiner Form weiter.

00:42:48: also wenn euch das interessiert schaut gern immer mal bei uns auf der Website oder auch Instagram vorbei, da werden wir darüber auf alle Fälle schreiben.

00:42:56: Zwischendurch stellen wir auch immer mal auf unserem Instagram-Kanal MoveMeRU Bücher vor die auch thematisch in diese Richtung gehen.

00:43:03: also wenn ihr gerne lest.

00:43:04: dann haben wir ab und zu ein paar Tipps und ein paar Bücher die wir da vorstellen.

00:43:09: Wenn ihr selber vielleicht ein Buch habt, wo ihr denkt, das ist superinteressant,

00:43:13: Da sollte man mal darüber diskutieren sind wir auch sehr offen für Vorschläge.

00:43:16: Vielleicht machen wir dann mal Veranstaltung dazu.

00:43:19: Das war es jetzt erstmal für heute.

00:43:21: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal! 

Über diesen Podcast

Der Roundtable Osteuropa ist ein Podcast des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS). Hier diskutieren Wissenschaftler*innen des ZOiS und Gäste über ihre Forschung zu Osteuropa. Dabei gehen wir auf aktuelle Ereignisse in Politik und Gesellschaft ein, versuchen aber auch, unbekanntere Themen zu beleuchten. Mit Einblicken aus Soziologie, Politikwissenschaften, Geografie, Sozialanthropologie, Kulturwissenschaften und Theologie.

von und mit ZOiS Berlin

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